Konkurrenz für das Duale System Deutschland

Offenbar will sich die Schwarz-Gruppe bundesweit als B2B-Wertstoffmanager profilieren. Es gibt erste Anzeichen für den Start eines eigenen dualen Systems.

Nach dem Kauf des Entsorgers Tönsmeier bietet die Mutter von Lidl und Kaufland Gewerbe- und Industrieunternehmen an, Abfälle durch die Tochter Greencycle abzuholen und zu verwerten. Laut Brancheninsidern hat die Schwarz-Gruppe zudem vor, für Industrie und Handel ab 2020 auch Verkaufsverpackungen zu entsorgen. Die Neckarsulmer Händler wollen nach eigenen Angaben zum nachhaltigsten deutschen Handelsunternehmen werden. Im Juli wurde daher der fünftgrößte deutsche Entsorger Tönsmeier mit einem Jahresumsatz von rund 500 Millionen Euro übernommen. Die Westfalen, die im Auftrag dualer Systeme auch gelbe Säcke und gelbe Tonnen abholen, ziehen gerade im niederländischen Zwolle für 30 Millionen Euro ein neues Sortierwerk für Leichtverpackungen hoch.

Nach dem Zukauf, den Beobachter auf 300 Millionen Euro beziffern, hat Schwarz das Web-Portal „Prezero“ online gestellt. Unter dieser neuen Marke werden Gewerbe- und Industrieunternehmen umworben, ihr Abfall- und Wertstoffmanagement der Schwarz-Tochter Greencycle zu überantworten, die dies aktuell für ihre beiden Schwestern Lidl und Kaufland erledigt. Greencycle wickelt dieses B2B-Geschäft über rund 200 regionale Entsorgungspartner ab und wirbt auf Prezero offensiv um Neuzugänge. Tönsmeier und Prezero stehen für das erklärte Ziel der Neckarsulmer, Wertstoffkreisläufe selbst zu schließen. Der nächste folgerichtige Schritt wäre ein eigenes duales System. Unter Lizenzdienstleistern ist ein Schwarz-Entree in ihren 1 Milliarde Euro schweren Markt derzeit ein Top-Thema des Branchen-Flurfunks, zumal allein die beiden Kunden Lidl und Kaufland für 12 Prozent aller hierzulande lizenzierten Verkaufsverpackungen stehen. „Was bisher nur gemutmaßt wurde, zeichnet sich immer deutlicher ab“, so ein gut mit Inverkehrbringern, Entsorgern und Personalrekrutierern vernetzter Branchenmanager.

Demnach beabsichtigt die Handelsgruppe nicht, ein duales System zu kaufen, sondern spricht bereits seit Wochen mit diversen Landesumweltministerien über die für einen bundesweiten Systembetrieb erforderlichen Regionalzulassungen. Weil der bestehende Lizenzvertrag mit der Alba-Tochter Interseroh erst Ende 2019 ausläuft, könnte ein eigenes Schwarz-System Anfang 2020 starten. Von ebenso großer Bedeutung wie für DSD & Co. wäre ein handelsdominiertes duales System für die FMCG-Industrie. Beim Markenverband sieht Dr. Andreas Gayk „keine intrinsische Motivation“ im Mitgliederkreis, Verkaufsverpackungen künftig bei einem Handelsriesen zu lizenzieren. Der Leiter Vertriebspolitik/Handelsbeziehungen und Compliance Officer weist auf eine – wettbewerblich potenziell heikle – Konsequenz hin: Ein Handelsunternehmen stünde durch vertikale Integration eines dualen Systems FMCG-Lieferanten sowohl als Kunde als auch als Lieferant gegenüber. Gayk befürwortet ausdrücklich, dass das Verpackungsgesetz es dualen Systemen untersagt, Handelskunden für die Vermittlung produktverantwortlicher Hersteller Entgelte zu bezahlen oder zu versprechen. Der Jurist betont, „keinerlei Anzeichen für hinterfragungswürdige Aktivitäten am künftigen Lizenzmarkt“ zu sehen. Dennoch werde der Markenverband „genau darauf achten, dass die Bedingungen, unter denen neue duale Systeme agieren, wettbewerbsneutral sind“. Im Übrigen sei es grundsätzlich positiv, wenn an einem Markt die Anbieterzahl wachse, weil dadurch der Druck zunehme, Innovationen zu entwickeln. Als hochprofessioneller Händler habe die Schwarz-Gruppe „das Potenzial, dies zu bewirken und sich im Markt zu behaupten“.

Ein duales System unter Schwarz-Flagge wäre für Peter Feller so wenig überraschend wie der Kauf von Tönsmeier. Der stellvertretende Hauptgeschäftsführer der Bundesvereinigung der deutschen Ernährungsindustrie (BVE) erwartet, dass die Neckarsulmer als möglicher Systemdienstleister ihre Kapazitäten im neuen Geschäftsfeld bestmöglich auslasten. Der Marktanteil im Lebensmitteleinzelhandel und die Verhandlungsstärke gegenüber Lieferanten eröffne entsprechende Chancen. „Spannend wird sein, wie Wettbewerber von Lidl und Kaufland darauf reagieren“, fährt Feller fort. Die Antwort darauf bereits zu wissen glaubt Heinz Vogel, Geschäftsführer des Fachberatungsunternehmens dbs-Team, Hemsbünde/Hastedt. Der langjährige Marktkenner rechnet mit einer grundlegenden Neuordnung der Verpackungslizenzierung: „Andere große Händler werden nicht lange zusehen und ebenfalls duale Systeme kaufen oder gründen.”

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