“Das Silodenken aufbrechen, um Kreisläufe zu schließen”

Das Konzept der Kreislaufwirtschaft gilt als Wirtschaftsmodell der Zukunft, sagt Pia Schnück, Senior Manager Sustainability Services von der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers GmbH.

Seit wann ist der Handel richtig beim Thema Nachhaltigkeit angekommen? Wie sieht das in Deutschland aus, wie im internationalen Vergleich? 

Der Handel in Deutschland – aber auch international – beschäftigt sich schon seit einigen Jahren mit dem Thema Nachhaltigkeit. Was sich seit zwei bis drei Jahren jedoch verändert hat, sind die Intensität und die strategische Ausrichtung, mit der man sich mit Themen wie Klimaschutz oder Plastikmüll beschäftigt. Inzwischen ist Nachhaltigkeit flächendeckend im Handel angekommen und wird strategisch umgesetzt. Nachhaltigkeit ist also nicht mehr vorwiegend Kommunikationsthema, sondern verändert Geschäftsprozesse und Geschäftsmodelle.
Die Circular Economy, also Kreislaufwirtschaft, ist hierfür ein gutes Beispiel. Wir sehen über fast alle Branchen hinweg seit einiger Zeit, dass man sich intensiver mit Ansätzen der Kreislaufwirtschaft beschäftigt. Im Handel steht in diesem Zusammenhang natürlich das Thema Verpackungen und Plastik im Fokus. Regulierungen wie das Circular Economy Package beziehungsweise die EU-Plastikstrategie und auch das neue Verpackungsgesetz, das zum 1. Januar 2019 die Verpackungsverordnung in Deutschland ablöst, sind hierbei sicher zusätzliche Treiber. Aber auch der Wunsch der Verbraucher nach mehr Nachhaltigkeit gibt dem Thema Schwung.

Laut einer repräsentativen PwC-Umfrage achten dreiviertel der Supermarktkunden beim Einkauf darauf, dass so wenig Verpackung wie möglich gekauft wird. Aber gleichzeitig kaufen immer mehr online ein und sorgen somit für mehr Verpackungen. Ein Widerspruch?

Die Wissenschaft spricht bei diesem Phänomen vom „Rebound-Effekt“: Es wird zwar Effizienz erreicht, zum Beispiel durch immer leichtere Verpackungen – die  Einsparungen werden aber mehr als aufgefressen von immer mehr Konsum. Der boomende Onlinehandel ist ein treffendes Beispiel. Und auch andere Veränderungen im Konsumentenverhalten tragen dazu bei. So lassen immer kleinere Verpackungen und vorportionierte Produkte die Müllberge ansteigen und belasten somit die Umwelt. Geschäftsmodelle, Produktion, Konsumentenverhalten – in der Diskussion um nachhaltige Verpackungsstrategien muss alles einbezogen werden.

Was wollen Verbraucher?

Mehr als 220 Kilogramm an Verpackungen wirft jeder Deutsche pro Jahr weg. Damit sind wir Europameister beim Verpackungsmüll. Die Auswirkungen der zunehmenden Müllberge auf die Umwelt sind verheerend. Unsere repräsentative Befragung zum Thema nachhaltige Verpackungen zeigt: Die Verbraucher sind sich dieses Problems bewusst – und wollen weniger Verpackungsmüll. Drei Viertel der Supermarktkunden achten beim Einkauf darauf, Produkte mit so wenig Verpackung wie möglich zu kaufen. Fast jeder Dritte würde sogar auf ein Produkt verzichten, weil es zu viel oder nicht nachhaltig verpackt ist.
Bei vielen Produkten würde weniger Verpackungsmaterial ausreichen – das sagen die Verbraucher einstimmig (94 Prozent). Besonders bei Drogerie- und Hygieneartikeln beschweren sich viele Konsumenten darüber, dass die Hersteller es mit dem Verpackungsmaterial übertreiben. Dabei haben die Kunden eine konkrete Vorstellung, wie die ideale Verpackung aussehen sollte: Die überwältigende Mehrheit, 95 Prozent, spricht sich dafür aus, die Materialmenge auf ein Minimum zu reduzieren und auf Material zu setzen, das sich gut recyceln lässt. Einen weitgehenden Verzicht auf Plastik befürworten 92 Prozent.

Was kann, was will der Online-Handel tun? Für Lösungen im Onlinehandel gibt es unterschiedliche Ansätze wie zum Beispiel die Reduzierung von Verpackungsmengen oder auch Mehrwegsysteme. Bei den Letztgenannten ist auch ein Pfandmodell denkbar. Zusätzlich müssen auch die ökologischen Effekte von Verpackungen im Rahmen der Logistik und damit verbundene Emissionen berücksichtigt werden. Daher kann man nicht pauschal sagen, dass Mehrweg-Versandverpackungen grundsätzlich besser sind. Allerdings folgt eine ernsthafte Kreislaufwirtschaftsstrategie tatsächlich dem Ansatz, Einweg-Systeme abzulösen. Häufig ist eine kritische Masse erforderlich, um im Ergebnis auch ökologische Vorteile zu erreichen. Daher gilt für den Onlinehandel das, was ganz häufig zum Thema Circular Economy gilt: Lösungen liegen in Branchenansätzen und Kooperationen entlang der Wertschöpfungskette.

Unsere Studie hat ergeben, dass Verbraucher durchaus aufgeschlossen sind für Mehrwegsysteme bei Versandverpackungen. Drei Viertel würden ein Mehrwegsystem im Onlinehandel gutheißen. Sieben von zehn Befragten wären sogar bereit, für eine solche Mehrweg-Versandverpackung ein Pfand zu zahlen.

Welche ökologischen Auswirkungen sind mit den Verpackungen verbunden?

Ausmaß und Art der ökologischen Auswirkungen hängen stark davon ab, um welche Verpackungsart es geht, aus welchem Material die Verpackung besteht und wo die Verpackung, nach dem meist kurzen Einsatz, anfällt. Die Herstellung der Verpackungsmaterialien wie Glas, Aluminium oder Plastik ist zum Teil sehr energieintensiv und verursacht Emissionen. In Regionen, in denen wir nicht die Entsorgungsstruktur haben wie in Deutschland, hat Verpackungsmüll aber auch Auswirkungen auf die Biodiversität. Schon heute gelangen jährlich rund acht Millionen Tonnen Plastik ins Meer – wenn auch nicht nur, aber eben auch durch Verpackungen. Experten gehen davon aus, dass aktuell 150 Millionen Tonnen an Plastik in den Weltmeeren treiben. Im Jahr 2050 könnte mehr Plastik im Meer schwimmen als Fische. Das hat natürlich erhebliche Auswirkungen auf marine Ökosysteme und in der Folge auch auf unser Klima und den Menschen. Denn Meere haben vielfaltige Funktionen: Sie sind Nahrungsquelle für Mensch und Tier und sie regulieren den Klima-, Temperatur-, Kohlendioxid- und Sauerstoffhaushalt der Erde.

Verpackungen fallen über die gesamte Wertschöpfungskette eines Produkts an: Bereits bei der Rohstoffgewinnung und in der Produktion entstehen Verpackungsabfälle. Und auch bei jedem weiteren Schritt der Lieferkette – vom Transport über den Verkauf bis zum Service – kommen Verpackungen zum Einsatz. Der Wertbeitrag von Verpackungen ist dabei eher gering: Konsumenten kaufen das Produkt, die Hülle landet schnell im Müll. Das treibt den Mengen- und Umwelteffekt weiter nach oben. 

Was muss auf der Entsorgungsseite passieren, damit der Kreislauf geschlossen wird?

In Deutschland haben wir gerade für Verpackungen ein etabliertes Rücknahmesystem, das die Voraussetzungen für ein Recycling schafft. Dennoch könnten die Verwertungsquoten höher sein. Und Recycling ist in aller Regel mit „Downcycling“ verbunden, das Material verliert in der Regel an Qualität. Daher sollte ein ganzheitlicher Circular-Economy-Ansatz früher ansetzen. Neue Konzepte zielen darauf ab, Verpackungen zu vermeiden und durch smarte Mehrweg-Ansätze Verpackungen länger im Kreislauf zu behalten.

Was das Recycling und die Entsorgungsseite betrifft, gibt es zusätzlich jede Menge Potenzial. Denn wenn Verpackungen nicht vermieden und nicht mehr wiederverwendet werden können, sollten sie zumindest stofflich recycelt werden. In Deutschland gilt ab 1. Januar 2019 das neue Verpackungsgesetz, das höhere Recyclingquoten einführen wird. Das ist ein wichtiger Schritt. Der Handel kann mit Kooperationen oder eigenen Lösungen dazu beitragen, die Ziele zu erfüllen. Grundsätzlich stehen Unternehmen in dieser Situation natürlich vor der Frage, welche Themen – wie beispielsweise Verpackungsdesign, Rücknahme- und Recyclingkompetenz  – man selbst stärken möchte, und welche Herausforderungen man vielleicht über andere Wege wie Kooperationen oder Branchenstandards lösen kann.

Um Kreisläufe wirklich zu schließen, muss das „Silodenken“ aufgebrochen werden. Der Handel, die Industrie und die Entsorgungsseite müssen gemeinsam daran arbeiten, die Kreislaufwirtschaft zu stärken.

Ist es derzeit überhaupt möglich, Verpackungen dem Kreislaufgedanken entsprechend herzustellen?

Grundsätzlich ist das möglich, ja. Aber natürlich muss gut abgewogen werden, unter welchen Umständen welches Kreislaufkonzept sinnvoll ist. Nehmen wir einmal das Beispiel der Mehrwegkonzepte: Viele Mehrwegverpackungen, zum Beispiel für Getränke, funktionieren nicht in regionalen Kreisläufen. Das kann dazu führen , dass die Ökobilanz der Einwegverpackung unter Umständen besser ausfällt. Jedoch könnte man über Industriestandards nachdenken, die für unterschiedliche Mehrwegverpackungen (nicht nur für Getränke) verwendbar sind und durch die die kritische Menge erreicht würde, um die Verpackung in einem regionalen Kreislauf zu führen.

Auch mit Blick auf das stoffliche Recycling gibt es heute bereits Verpackungen, die dem Kreislaufgedanken entsprechen und auch unter Einsatz von recyceltem Material hergestellt werden.

Welchen Einfluss hat die Idee der Kreislaufwirtschaft auf den Handel?

Kreislaufwirtschaft ist ein vielversprechender Ansatz, auch für den Handel. Das Konzept gilt als Wirtschaftsmodell der Zukunft und folgt dem Gedanken, die eingesetzten Rohstoffe länger und häufiger zu nutzen. Kreislaufwirtschaft ermöglicht es also, den Lebenszyklus eines Produkts zu verlängern und die Produkte dadurch effizienter zu nutzen. Das schont nicht nur die Umwelt, sondern bietet Unternehmen auch die Grundlage für neue Geschäftsmodelle. Durch Digitalisierung werden Konzepte der Kreislaufwirtschaft, wie Sharing-Ansätze, heute leichter umsetzbar als in der Vergangenheit.

Die Idee der Kreislaufwirtschaft hat auch Einfluss auf den Handel und die Konsumgüterbranche. Das gilt einerseits für den Bereich der Lebensmittel, wo die Kreislaufwirtschaft insbesondere die Grundlage für Konzepte zur Vermeidung von Verpackungsmaterialien und Lebensmittelverschwendung liefern kann. Aber auch Hersteller und Händler aus dem Non-Food-Segment können sich der Ideen aus der Kreislaufwirtschaft bedienen, um ihre Produkte, Geschäftsmodelle und Verpackungen nachhaltiger zu gestalten.

Pia Schnück ist Nachhaltigkeitsexpertin im Bereich Sustainability Services bei PwC. Sie verantwortet in dieser Funktion den Industriebereich „Retail & Consumer“ mit Blick auf Nachhaltigkeitsfragen und ist Expertin zum Thema Circular Economy. Ihr Tätigkeitsschwerpunkt liegt in der Entwicklung von Nachhaltigkeitsstrategien und Nachhaltigkeitskonzepten sowie in der Prüfung von Umwelt- und Nachhaltigkeitsinformationen. 

 

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