Label „Klimaneutralität“ in der Kritik

Immer mehr Unternehmen verzichten auf Werbung mit dem Label Klimaneutralität. Auch die Drogeriemarktkette Rossmann will künftig auf das Label von Climate Partner verzichten. Der Öko-Reinigungsmittelhersteller Werner & Mertz hatte diese Etikettierung bereits massiv kritisiert.

„Das Label ist im Grunde tot“, befand Rossmann-Gründersohn Raoul Roßmann in einem Interview mit der Wochenzeitung Zeit. Der Unternehmer der gleichnamigen Handelskette Rossmann will die als klimaneutral gekennzeichneten Produkte noch etwa ein Jahr behalten. Solange, bis die Verpackungen aufgebraucht seien, sagte er. Alles andere wäre nicht nachhaltig. „Dann werden wir das Geld, das wir bislang in die Kompensation gesteckt haben, anders verwenden“, so Raoul Roßmann. Das sei ein Budget von einer Million Euro. Laut Roßmann habe man ohnehin festgestellt, dass das „Klimaneutral“-Label für die Kunden gar nicht entscheidend sei. Auch online suche kaum jemand nach „klimaneutralen“ Produkten, „obwohl die Marktstudien uns das als Trend vorausgesagt hatten“, so Rossmann.

Die Zeit und der britische Guardian hatten zuvor berichtet, dass ein Großteil der von großen Unternehmen gekauften Zertifikate „offenbar wertlos sind“. Es stand der Vorwurf im Raum, viele Unternehmen würden sich zu Unrecht mit dem Label „klimaneutral“ schmücken. Obwohl Rossmann von den Enthüllungen nicht betroffen sein soll, weil man mit Windkraft kompensiere, sei das Label nun wertlos, hieß es weiter. Auch Rewe und Drogeriehändler dm sollen sich von dem Label trennen wollen. Climate Partner hat nach den Medienrecherchen eine Task Force aufgestellt und wehrt sich in einer ausführlichen Stellungnahme gegen die Vorwürfe. „Bei allem Respekt vor der journalistischen Aufbereitung gibt es doch etwas, was aus unserer Sicht im Vordergrund stehen sollte: Gemeinsam sollten wir sicherstellen, dass der freiwillige Markt für CO2-Emissionsminderungen so effektiv wie möglich funktioniert und ihn verbessern, wo es notwendig sein sollte. Genau dafür sind ein wissenschaftlicher Diskurs und eine sachliche, detaillierte Analyse so wichtig“, heißt es.

Frosch-Hersteller kritisiert Label

Der Hersteller der Markenprodukte Frosch, Werner & Mertz, sieht sich angesichts dieser immer stärker werdenden Kritik an Produkten, die als „klimaneutral“ beworben werden, bestätigt. Geschäftsführer und Unternehmensgründer Reinhard Schneider sagte gegenüber der Lebensmittelzeitung: „Unternehmen, die mit kompensierter Klimaneutralität werben, erweisen der Nachhaltigkeit einen Bärendienst.“

Greenwashing-Vorwurf

Das Mainzer Unternehmen geht regelmäßig gegen Mitbewerber vor, deren Werbung mit Klimaneutralität Werner & Mertz nicht für richtig hält. Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) geht ebenfalls gegen Hersteller rechtlich vor, die das Label nutzen, ohne nach ihrer Ansicht das damit verbundene Versprechen nachweisbar umzusetzen. „Aus unserer Sicht nutzen Handel und Industrie zunehmend Werbeaussagen zu angeblicher Klimaneutralität, um die tatsächlichen Klimabelastungen ihrer Produkte und Dienstleistungen zu kaschieren und sie dennoch als grün zu verkaufen.“ Auf ihrer Homepage veröffentlicht die DUH regelmäßig die Firmen, gegen die sie Verfahren laufen hat, unter diesen finden sich beispielsweise Nivea-Hersteller Beiersdorf und Lebensmittelproduzent Danone.

Schneider, Preisträger des Deutschen Umweltpreises, prangert seit längerer Zeit auch den Einsatz von falsch deklariertem Rezyklat in Verpackungen an und warnt vor Greenwashing. Der Vorwurf: Statt vermehrt Altplastik aus dem Gelben Sack zu nutzen, nehme der Import von billigem „Rezyklat“ aus Asien immer weiter zu – ohne überprüfen zu können, ob es sich dabei tatsächlich um recyceltes Material handelt. Werner & Mertz setzt sich seit 2012 im Rahmen der „Rezyklat-Initiative“ mit Kooperationspartnern entlang der gesamten Wertschöpfungskette für hochwertiges mechanisches Recycling aus der Quelle Gelber Sack ein. Seit 2014 bestehen die PET-Flaschen der bekannten Marke Frosch aus 100 Prozent PCR.

Der Frosch-Hersteller hat im Jahr 2022 die Preise im zweistelligen Prozentbereich, wie zuvor teils angekündigt, erhöht. Der Geschäftsführer begründet dies mit Nachhaltigkeit, die etwas koste und in die sein Unternehmen Gewinne reinvestiere. Die Öko-Branche steht angesichts der Preiserhöhungen derzeit unter Druck, viele umweltbewusste Kunden greifen zu Eigenmarken – das hat auch die Bilanz von Rossmann gezeigt. Das Mainzer Unternehmen plant dennoch deutliche Umsatzsteigerungen für das Jahr 2023. Frosch sei eine Vertrauensmarke, so die Botschaft.

von Anna Ntemiris