Wettlauf zur Losgröße 1

Der Trend zu individuellen Produkten und Verpackungen ist nicht aufzuhalten. Sowohl Markenartikler als auch Hersteller von Verpackungsmaschinen müssen schnell reagieren.

Schokolade ist ein süßes, aber oft ein Verlegenheitsgeschenk. Anders im Online-Shop der Alfred Ritter GmbH & Co. KG: Man wählt Größe und Sorte der Tafel, sucht ein Motiv aus für den Umkarton, lädt noch ein eigenes Bild hoch und formuliert eine kurze Botschaft. Fertig ist der persönliche „Schoko-Gruß“! Zumindest fast. Das Design übernehmen zwar die Kunden und ein Online-Tool, doch dann muss das traditionsreiche Familienunternehmen aus dem schwäbischen Waldenbuch den Karton noch bedrucken und das Schokoquadrat darin verpacken – und zwar in Losgröße 1. Es scheint sich zu lohnen, denn seit acht Jahren hat Ritter Sport den individuellen Gruß im Angebot. Konkrete Zahlen veröffentlicht das Unternehmen zwar nicht, aber Bianca Kulik verrät, dass sich diese Tools rechnen. Grund: Sie erfüllen die Kundenwünsche und machen Marke und Unternehmen sympathisch und erlebbar. „Solche Wege sind für uns als mittelständisches Unternehmen enorm wichtig. Hier können wir mit überschaubarem Budget Kundenansprache und Kundenbindung erreichen“, sagt die PR-Expertin.

Die Verpackung ist ein zentrales Element im Marketing-Mix von Ritter Sport. In Werkstätten oder im Internet können Kunden auch Schokoladensorten und -verpackungen entwerfen, von denen einige dann auch mit Erfolg in Produktion gehen. Bestes Beispiel: 2016 ließ der Ansturm auf die limitierte, regenbogenfarbig verpackte Einhorn-Schokolade den Online-Shop vorübergehend zusammenbrechen. „Der Austausch mit Verbrauchern bietet uns wertvolle Einblicke in deren Wünsche und Konsumgewohnheiten, die wir zur Optimierung unserer Produkte nutzen können, so Kulik. „Personalisierung und Individualisierung sind für Ritter Sport kein kurzfristiger Trend, sondern eine anhaltende gesellschaftliche Veränderung.“ Dies bestätigen auch die Aktivitäten anderer Hersteller: Ferrero ließ beispielsweise unter dem Motto „Nutella Unique“ Millionen einzigartiger Gläser designen. Und bei Coca-Cola konnten Brauseliebhaber einen von 30.000 Vor- oder Kosenamen auf Dosen und Flaschen drucken.

Personalisierung und Individualisierung sind für Ritter Sport kein kurzfristiger Trend, sondern eine anhaltende gesellschaftliche Veränderung.“
Bianca Kulik, Unternehmenssprecherin Alfred Ritter GmbH & Co. KG

Den Trend zur Individualisierung bewertet auch Luc van de Vel, Vice President Business Unit Medical/Pharmaceutical bei der Multivac Sepp Haggenmüller SE & Co. KG in Wolfertschwenden, sehr positiv. „In unserer Branche bedeutet Individualisierung, dass Produkte maßgeschneidert auf die spezifischen Bedürfnisse eines Patienten oder einer Patientengruppe ausgelegt werden. Damit erzielen die Präparate eine höhere Wirksamkeit als Produkte, die ein breites Spektrum für viele Anwender abdecken.“ Kleinere Stückzahlen – bis Losgröße 1 – und häufigere Produktwechsel stellen auch neue Anforderungen an die Verpackungsmaschinen. „Sie müssen hochflexibel, prozesssicher und vor allem effizient sein“, sagt van de Vel. Das geht aus seiner Sicht nur dann, wenn sie schnell ein- und leergefahren werden können, und damit ein schnelles Starten der neuen Produktchargen ermöglicht wird. Beim Verpacken von sensiblen Produkten wie Pharmazeutika sei zudem eine sichere, einfache und schnelle Clearance unabdingbar.

Losgröße 1 – ein Trend auch bei Verpackungsmaschinen

Die Synthese aus hoher Produktionsgeschwin­digkeit und Flexibilität ist laut Dr. Thomas Cord, Geschäftsführer Loesch Verpackungstechnik GmbH, erst seit kurzem möglich. Dadurch kann ein Schokoladenhersteller jetzt auf einer Maschinenplattform aus mehr als einem Dutzend verschiedener Formate auswählen. Die Maschine schlägt in der Größe variierende Tafeln in Silberpapier oder PP-Folie ein, legt sie in verschiedene Hüllen und packt sie in unterschiedliche Trays. „In diesem Fall gilt Losgröße 1 nicht für das Produkt, sondern für die Anlage. Denn wir schneidern die Maschine dem Kunden auf den Leib“, sagt Cord.

Diese Lösung kann laut Cord nur in Teamwork entstehen. Der Vertrieb muss verstehen, was der Kunde braucht und der Markt will. Ingenieure müssen standardisierte Module entwickeln und kombinieren, damit Kosten überschaubar blei­ben. Software-Entwickler müssen die Anlage ins ERP-­Tool integrieren. Kleine Char­gen muss man über Artikel- oder Char­gen­nummern anfordern und verfolgen können. „Das ist Industrie 4.0“, sagt Cord und verweist darauf, dass diese Paradigmenwechsel neue Kompetenzen in der Analyse, im Projektmanagement und im Software-Engineering erfordern. „Unsere Leute müssen mit den verschiedenen Experten von Kunden auf der ganzen Welt kommunizieren können.“

Den gleichen Weg geht die Transnova Ruf Verpackungs- und Palettiertechnik GmbH aus Ansbach. Sie baut ihre Maschinen und Anlagen ebenfalls maßgeschneidert für Kunden im Modulsystem und setzt dabei vor allem auf Roboter. „Man kann Roboter so universell einsetzen wie ein Mensch seinen Arm“, begründet Michael Ruf, Anteilseigner und stellvertretender Geschäftsführer, diesen Ansatz und verweist darauf, dass ein Roboter auf Befehl die Bewegung, die Geschwindigkeit und den Ansatzpunkt verändern kann und niemand mehr kompliziert die Mechanik umstellen muss. „Wenn Sie den Formatwechsel in 5 statt 30 Minuten schaffen, haben Sie 25 Minuten Produktionszeit gewonnen“, rechnet Ruf vor. Und weil ein multitaskingfähiger Roboter mehrere Maschinen ersetzt, spart er sogar noch Platz in der Werkshalle. Transnova Ruf hat etwa eine Verpackungsanlage für Schaltschränke geliefert, die individuell konfiguriert wurde. Der kleinste Schaltschrank ist so groß wie ein Schuhkarton, der größte 1,40 Meter lang und 1,20 Meter hoch. Die Verpackungsanlage stellt innerhalb von fünf Sekunden vom einen auf das andere Format um, fordert rechtzeitig die richtigen Kartonzuschnitte an und produziert bis zu Losgröße 1.

Mit leistungsfähigen Robotern zu maßgeschneiderten Produkten

Eine andere Anlage verpackt für einen deutschen Möbelhersteller Deckel und Böden für Wohnregale, jeweils zusammengestellt nach Kundenwunsch. Drei 6-Achs-Industrieroboter mit 3 Metern Reichweite drehen, wenden und übergeben einander rechteckige, dreieckige oder trapezförmige Platten in unterschiedlichen Farben und Maßen, fügen gegebenenfalls weitere Elemente wie etwa Beleuchtungen hinzu und packen sie in gerade Stapel. Damit die Bretter nicht verkratzen, legen die Roboter sie mit den empfindlichen Seiten zueinander, fügen Kantenschutz und Styroporplatten ein, knicken den Umkarton an der passenden Stelle und umreifen das Bündel mit Kunststoffriemen. Über einen 20-stelligen Code erkennen die Roboter, wo sie die Platten greifen, wie sie sie ineinander stapeln müssen und welche Verpackungselemente sie dafür aus 16 Magazinen benötigen. Am Ende sieht jeder Karton anders aus. Das ist kein Marketing, sondern sinnvoll für den Transport. Früher machten Menschen diesen Job, doch Arbeitskräfte sind in Deutschland knapp und im internationalen Vergleich sehr teuer. „Roboter dagegen werden immer günstiger“, erzählt Ruf. In den 1980er Jahren hat ein Roboter noch 200.000 Mark gekostet, heute nur noch 30.000 Euro. „Und diese Entwicklung setzt sich im Zeitraffer fort. In zehn Jahren werden die Kosten für intelligente Sensorik nur noch einen Bruchteil der heutigen betragen“, prognostiziert Ruf.

Schnittstelle für Transparenz und Effizienz

Die Weihenstephaner Standards (WS)
definieren eine universell einsetzbare Kommunikationsschnittstelle für das Verbinden von Maschinen und übergeordneten Datenerfassungssystemen wie beispielsweise Manufacturing Execution Systemen (MES). Die physikalische Spezifikation der Kommunikationsschnittstelle erfolgt branchenübergreifend.

beschreiben alle Daten, die für die Erfassung bereitgestellt werden müssen. Die Definition der Datenpunkte und -inhalte erfolgte dabei branchenspezifisch, bisher für Getränkeabfüll- und Verpackungs­anlagen (WS Pack) und Maschinen für die Lebensmittelverarbeitung (WS Food). Die Definition der Dateninhalte beruht auf branchen­spezifischen Bibliotheken.

ermöglichen durch die automatisierbare Parametrierung über eine Gerätebeschreibungsdatei die Kommunikation nach dem Prinzip „Plug-and-Play“.

geben branchenspezifische Empfehlungen zur Auswertung von Daten. Es gibt zum Beispiel Methoden zur Berechnung von Effizienzkenn­zahlen, zur Rückverfolgbarkeit von Produkten (Tracking & Tracing) und zum technischen Reporting.

liefern Ratschläge zur Überprüfung und zum sicheren Betrieb von Datenerfassungssystemen. Dies erfolgt auch branchenübergreifend.

Trotz der deutlichen Kostenvorteile werden die Investitionsrisiken für die Markenartikler nicht geringer. Glaubt man den Worten von Professor Dr. Matthias Weiß, kann sogar das Gegenteil der Fall sein. Der Trend zu individuellen Produkten sorge dafür, dass Verpackungsmaschinen nicht nur flexibler, sondern auch ungleich genauer produzieren müssen und dass sich die Arbeitsschritte mitunter rasant verändern. „Je mehr und je schneller sich Prozesse ändern, desto eher wird es für die Ingenieure ein Blindflug“, warnt Weiß. Seiner Meinung nach schafft nur der Einsatz von Simulationslösungen eine ausreichende Entscheidungssicherheit. Hier gebe es in der Verpackungsbranche großen Nachholbedarf. Und der wird nicht geringer. Ritter-Sport-Sprecherin Bianca Kulik glaubt, dass die Verbraucher in Zukunft in Online-Shops immer mehr persönliche Waren entwerfen werden, die sie sich dann just-in-time herstellen lassen. „Der Fortschritt eröffnet neue Möglichkeiten und weckt neue Wünsche, die die technische Entwicklung vor­antreiben.“ Und alles, was dann nicht aus dem heimischen 3D-Drucker kommt, muss auch dann noch verpackt und geliefert werden.

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