„Mehrweg muss wachsen“

Offen sein für alternative Packmittel, bei deren Ökobilanz aber genau hinschauen: Dafür plädiert Isabell Kuhl, stellvertretende Abteilungsleiterin im Qualitätsmanagement bei Alnatura. Die Verpackungsspezialistin erklärt, welche Hürden dabei zu nehmen sind.

Alnatura hat angekündigt, die Verpackungen aller gelisteten Produkte im Hinblick auf deren Nachhaltigkeit zu prüfen. Wie lösen Sie diese Mammutaufgabe?

Wir haben über 1.300 Produkte im Angebot, da lässt sich das Sortiment natürlich nur sukzessive nach Produktgruppen optimieren. Wir nehmen die Verpackung von Produkten ohnehin schon lange auch unter dem Gesichtspunkt der Nachhaltigkeit unter die Lupe. Wir gehen bei Bestandsprodukten im Prinzip genauso vor wie bei neuen Produkten. Zuerst stellen wir uns das Produkt ohne Verpackung vor, um auf alternative Verpackungsideen zu kommen. Ein „Baby-Glas“ gibt im Namen schon die Richtung vor, solche Denkweisen muss man aufbrechen.

Im zweiten Schritt prüfen wir dann, was jeweils an Verpackung wirklich notwendig ist, etwa mit Blick auf Lebensmittelsicherheit und Haltbarkeit. Natürlich beziehen wir auch ein, was Kunden sich wünschen. Und berücksichtigen, welche Verpackungsmöglichkeiten unsere Hersteller haben. Der dritte und letzte Schritt ist dann zu sehen: Wie lässt sich das, was an Verpackung notwendig ist, über die Materialauswahl optimieren. Wir setzen vor allem auf Recyclingfähigkeit.

Haben Sie ein Beispiel?

Wir haben viele Milchprodukte schon früh im sogenannten K3-Becher angeboten. Auch der 400-Gramm-Becher unserer veganen Joghurtalternativen auf Kokos- und Mandelbasis besteht aus diesem besonders dünnen Kunststoffbecher mit Pappummantelung und einem Aluminiumdeckel. Beim Kunststoff handelt es sich um Polypropylen, dafür gibt es einen besonders guten Recyclingstrom. Die Pappe ist aus Recyclingmaterial, nicht aus Frischfaser. Wir haben uns gegen einen zusätzlichen Wiederverschluss entschieden, selbst wenn die 400-Gramm-Packung recht groß ist. Viele Kunden nutzen Wiederverschlüsse gar nicht und der „normale“ Deckel schützt gut genug, damit das Produkt ein paar Tage nach Öffnung haltbar ist. Gegenüber einer reinen Kunststoffverpackung sparen wir so pro Jahr etwa zehn Tonnen Kunststoff.

Was ist für Sie das wichtigste Ziel beim Verpackungsdesign?

Die Frage nach der Lebensmittelqualität steht vor der nach den Packmitteln. Man muss sehen, dass der ökologische Fußabdruck von Lebensmitteln weit größer ist, als der von Verpackungen. Wir wechseln deshalb auch nicht einen Hersteller, von dem wir überzeugt sind, nur um eine bestimmte Verpackungsoptimierung zu realisieren. Natürlich soll die Verpackung auch der Vermarktung dienen. Dem Verbraucher gegenüber muss man neue Ideen aber bisweilen besser erklären. Verbraucher erwarten manche Produkte in bestimmten Verpackungen. Wenn diese dann anders verpackt sind, finden sie die Produkte nicht so leicht. Zu solchen Aspekten stehen wir immer in engem Austausch mit unserem Produktmanagement, um gegebenenfalls die Kommunikation am Regal anzupassen.

Eine eher ungewöhnliche Verpackung haben Sie kürzlich vorgestellt: Nussmuse, Nüsse und Tees im Mehrweg-Joghurt-Glas …

Mehrwegsysteme sind für uns zukunftsweisend. Nussmuse, Nüsse und Tees im Mehrweg-Joghurt-Glas anzubieten, ist ein weiterer kleiner Schritt in diese Richtung. Mehrweg muss einfach gestärkt werden. Das Beispiel zeigt auch, wie bei der Wahl von Packmitteln Zielkonflikte entstehen und gelöst werden können. Glas schützt Produkte sehr gut, ist in der Erzeugung aber sehr energieintensiv. Je nach Einsatz hat Einwegglas eine schlechtere Ökobilanz als Kunststoff. Deshalb haben wir uns gemeinsam mit den Herstellern für Joghurt-Standardmehrweggläser entschieden, die sich mit der Rückgabe in den regionalen Pfandkreislauf überführen lassen. Grundsätzlich ist bei Mehrweg im Lebensmittelhandel aber noch ein dickes Brett zu bohren. Der Lebensmittelhandel ist weitgehend auf Einweg hin optimiert, schon um die Logistik effizient zu halten. Transportstrecken einzusparen, ist auch ökologisch durchaus sinnvoll. Aber dennoch müssen wir einen Weg finden, Mehrfachnutzungen von Verpackungen erheblich auszuweiten.

Welche Fehlentwicklungen sehen Sie aktuell, wenn es um Verpackungsfragen geht?

Wir leben im „postfaktischen Zeitalter“, oft zählt die „gefühlte Wahrheit“. Das gilt leider auch bei der Nachhaltigkeit von Verpackungsmaterialien. Kunststoff hat aktuell einen sehr schlechten Ruf, aber auch die weit besser angesehene Pappe verbraucht Ressourcen. Man sollte bei der Verpackungsstrategie gründlich prüfen, was wirklich nachhaltig ist. Und nicht nur reflexartig das Packmittel wechseln, um dann wenig später vielleicht wieder neu planen und handeln zu müssen.

Isabell Kuhl ist eine der Referentinnen beim PACKAGING 360° Kongress 2020, der am 21. und 22.10. im Frankfurter Hilton City Centre stattfindet.

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