„Materialkompetenz wird immer wettbewerbsentscheidender“

Im Interview mit packaging-360.com spricht Christoph Kopp, Studienleiter der jetzt erschienenen Studie „Die europäische Verpackungsindustrie 2025“  der Unternehmensberatung Horváth, über die Herausforderungen für die Verpackungsunternehmen.

Welches Ergebnis der Studie hat Sie am meisten überrascht?

Christoph Kopp: Ich arbeite seit vielen Jahren in der Branche, mit unterschiedlichen Kunden, daher gab es keine großen Überraschungen für mich. Aber zwei Aspekte traten deutlich hervor: Nachhaltigkeit und Digitalisierung sind immer noch die großen Themen und werden noch gewichtiger. Ein nachhaltiges Produkt ist über die Verpackung als solches zu erkennen. Produktinnovationen in der Verpackungsbranche werden daher primär durch Nachhaltigkeit angetrieben. Zudem kam heraus, dass der Stand der Digitalisierung bei den Unternehmen der Verpackungsbranche sehr, sehr unterschiedlich ist. Das Thema reicht von der Prozessautomatisierung bis hin zur Frage, wie ich die vertrieblichen Tätigkeiten zum Nutzen beider Parteien – des Kunden und Herstellers – digitalisieren kann. Unterschiede gibt es zwischen Unternehmen auch in den Wertschöpfungsschritten: Große und neue Papiermaschinen sind hochgradig digital, kleine und alte Druckmaschinen noch analoger.

Welche Erkenntnisse haben Sie zum Marktumfeld gewonnen?

Kopp: Grundsätzlich ist die Verpackungsbranche durch konstantes Wachstum gekennzeichnet. Es gibt keine großen Höhen und Tiefen. Das hat sie insbesondere während der pandemiebedingten Krise gezeigt. Die Verpackungsbranche war stabiler als die meisten anderen Branchen. Daher ist sie auch bei Investoren sehr beliebt.

Gleichzeitig sehen wir eine zunehmende Commodotisierung der Produkte und einen entsprechenden Margendruck in vielen Segmenten. Das zwingt zu operativer Exzellenz in allen Bereichen und einer entsprechenden strategischen Ausrichtung, um nicht komplett in der Kostenfalle zu sitzen.

Wenn wir uns den Markt aktuell anschauen, sehen wir fast nie dagewesene Preisesteigerungen für Rohmaterialien, insbesondere bei Kunststoff. Die Crux wird sein, ob die Verpackungsbranche die Preise an ihre Kunden weitergeben kann. Die Hersteller von Plastikverpackungen sind zwischen großen Lieferanten aus der chemischen Industrie und großen Kunden aus der Konsumgüterbranche eingedrückt. Das wird die Geschäftszahlen bei einigen Verpackungskonzernen im zweiten Halbjahr belasten.

Der Megatrend Nachhaltigkeit besteht seit einigen Jahren. Was kann die Verpackungsbranche da noch verändern?

Die Kaufbereitschaft für nachhaltige Produkte ist gestiegen und ernsthafter geworden – sowohl beim Konsumenten als auch bei den großen Konsumgüter- und Handelskonzernen. Rund 75 Prozent der Verbraucher, das hat eine Studie von uns ergeben, achten bei Produkten des täglichen Lebens auf die Umweltfreundlichkeit. Früher waren Verbraucher nicht bereit, für ein nachhaltiges Produkt mehr zu zahlen, ebenso Konsumgüter- und Handelskonzerne für nachhaltigere Verpackungen. Das hat sich zum Teil geändert.

Nachdem Verpackungen recht schnell im Müll landen, ist Circular Economy ein Thema, das die Branche vor Herausforderungen stellt. Bei Papier gibt es gute und etablierte Recyclingströme, das ist den Verbrauchern auch bewusst. Bei Kunststoff sieht es noch anders aus. Mittel- und langfristig ist die Frage, wo ausreichend rezykliertes Granulat für Kunststoffverpackungen herkommen soll. Die Industrie handelt vor diesem Hintergrund bereits: Da sind Chemiekonzerne, die in Recyclingunternehmen einsteigen und der ein oder andere Verpackungskonzern denkt ebenfalls darüber nach. In diesem Zusammenhang wird auch Design for Recycling immer wichtiger.

Weitere wichtiger Nachhaltigkeitsaspekt für Konsumenten ist die biologische Abbaubarkeit der Verpackungen. Hier haben sich Bilder von mit Plastikmüll überzogenen Meerespassagen und Stränden in Köpfen eingeprägt. Auch deshalb ist der klare Trend weg von Plastik hin zu Papier.

Gleichzeitig vergessen Konsumenten oft, dass eine Verpackung eine Schutzfunktion hat, die ebenfalls in den Nachhaltigkeitsbetrachtungen berücksichtigt werden muss. Eine höhere Verderbnisrate von Produkten durch vermeintlich nachhaltigere Verpackungen kann in der Gesamtbetrachtung auch kontraproduktiv sein.

Werden nachhaltige Verpackungen noch nachhaltiger?

Genau das sehen wir aktuell. Es geht um Materialeffizienz und die Reduktion des Materialeinsatzes genauso wie Materialien möglichst lange im Kreislauf zu halten, sprich Einsatz von recycelten Grundstoffen und Produktdesign, das Recycling ermöglicht. Letzteres bedeutet für Kunststoff-Verpackungen vor allem den Einsatz von Monomaterialien, die sich einfach recyclen lassen.

Damit wird die Materialkompetenz der Verpackungsunternehmen auch immer wichtiger und wettbewerbsentscheidender. Der Wettbewerb wird künftig somit noch verstärkt über die Materialkompetenz entschieden.

Unternehmen müssen für sich klären, wie sie diese Materialien selbst entwickeln können, ob und wie sie mit Lieferanten zusammenarbeiten oder mit Forschungseinrichtungen. Es kann nicht schaden, den Mut aufzubringen, um bei der Materialentwicklung nach externen Partnern zu schauen, wenn man schnell und effektiv vorankommen möchte. Die Verpackungsbranche kann von anderen Branchen an dieser Stelle lernen, die Ökosysteme schon länger eingeführt haben.

Die kleinteilige Verpackungsindustrie wird sich konsolidieren, so die Studie. Was bedeutet das für wen? Können Sie konkreter werden?

Bei den bestehenden Playern in der Branche ist ein Wachstum zu sehen. Die großen Player kaufen regelmäßig kleinere Unternehmen zu, um in neue Märkte oder Technologien zu dringen und um Wachstum zu generieren. Kurzum: Die Großen werden immer größer und die Kleinen immer weniger. Zu beobachten ist auch eine starke vertikale Integration in der Branche, die die Konsolidierung antreibt.

Welche Rolle wird der E-Commerce spielen?

Der E-Commerce ist zwar ein kleineres Segment, wird aber in den nächsten Jahren konstant um 10 bis 15 Prozent wachsen. Seit der coronabedingten Krise hat jeder gelernt, wie man online einkaufen kann. Das wird weiterhin Auswirkungen insbesondere auf die Papierverpackungsbranche haben, aber zu gewissen Teilen auch auf die der flexiblen Verpackungen.

Weihnachten steht vor der Tür. Was wird sich künftig an saisonalen Geschäften ändern – beim Thema Verpackung?

Die saisonale Anpassung ist bei Konsumgütern ein Thema. Generell sind durch saisonale Specials und kurzfristigere Anpassungen am Design die Losgrößen tendenziell kleiner geworden. Das wird sich nicht weiter fortsetzen. E-Commerce wird an Weihnachten wieder eine stärkere Rolle spielen. Auch aufgrund der aktuellen pandemischen Lage ist E-Commerce weiterhin angesagt. Generell wird der Nachhaltigkeitstrend auch Auswirkungen auf Aufmachungen und Verpackungen im Weihnachtsgeschäft haben. Opulente Verpackungen sind nicht mehr so beliebt, stattdessen immer öfter nachhaltige in schlichtem, braunem Papier.

von Anna Ntemiris

Einen Bericht über die Studie finden Sie hier.

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