Experte der Deutschen Bank: Das Insolvenzrisiko steigt

Eric Heymann analysiert als Senior Economist bei Deutsche Bank Research energie- und klimapolitische Entwicklungen, die deutsche Industrie sowie die Verkehrswirtschaft. Die Stimme der Volkswirtschaft steht derzeit hoch im Kurs: Heymann erhält seit Monaten deutlich mehr an Anfragen von Investoren, insbesondere aus den USA und Großbritannien. Viele wollen die Konjunkturprognose, Einschätzungen zur Energieversorgung oder zur finanziellen Lage Deutschlands hören. Im Interview mit packaging-360.com spricht er über die aktuellen Herausforderungen der deutschen Industrie.

Ist ein Investment in den Industriestandort Deutschland noch lukrativ?

Heymann: Das ist eine recht pauschale Frage, auf die es keine pauschale Antwort gibt. Das hängt stark von der jeweiligen Branche und von einzelnen Unternehmen ab. Es gibt zudem viele wirtschaftliche und politische Unsicherheitsfaktoren. Man kann aber schon feststellen, dass sich einige Standortfaktoren in Deutschland im internationalen Vergleich verschlechtert haben, etwa bei den Lohn- und Energiekosten oder bei der Digitalisierung.

Welche Veränderungen sehen Sie in Kürze auf uns und speziell die Verpackungsbranche zukommen?

Heymann: Aktuell bereiten die hohen Energiepreise besonders große Sorgen. Das wird auch in den Gewinn- und Verlustrechnungen Spuren hinterlassen. Das Insolvenzrisiko steigt. Das hat auch eine Umfrage des Bundesverbands der deutschen Industrie (BDI) bestätigt. Kurzarbeit – gut, dass wir sie als Puffer haben – dürfte wieder an Bedeutung gewinnen, weil die hohen Energiepreise zu Produktionskürzungen führen werden. Die Politik darf mit Hilfsprogrammen nicht zu lange warten. Das Ausmaß der Krise ist vielen noch nicht bewusst.

Nehmen wir die Papierindustrie. Sie hat 40.000 Beschäftigte und zählt zu den größten Gasverbrauchern in Deutschland. Ein Produktionsstopp könnte verheerende Folgen haben?

Heymann: Ja, aus Gesprächen mit Unternehmen aus der Branche habe ich erfahren, wie auf andere Energieträger umgestellt beziehungsweise die Energieeffizienz noch mehr gesteigert werden kann. Man kann zum Beispiel Trocknungsprozesse verlangsamen. Aber am Ende werden durch die teure und knappe Ressource Energie die Papierpreise und damit Verpackungen und die Endprodukte noch teurer.

Sie sprechen auf der FACHPACK über die Zeitenwende und Herausforderungen für die Weltwirtschaft und das Packaging: Können Sie die Zeitenwende skizzieren?

Heymann: Zeitenwende ist in der Tat ein guter Begriff. Man kann die aktuelle Energiekrise mit Blick auf den Industriestandort auch als Game Changer bezeichnen. Zur Verdeutlichung: 2021 erwirtschaftete das Verarbeitende Gewerbe in Deutschland knapp 21 Prozent der gesamten Bruttowertschöpfung. Die Bedeutung des Verarbeitenden Gewerbes ist in Deutschland traditionell größer als in den anderen großen Volkswirtschaften der EU, zum Beispiel etwa doppelt so hoch wie in Frankreich. Durch die zu erwartenden strukturell höheren Energiepreise geraten die energieintensiven Branchen am Beginn der industriellen Wertschöpfungskette unter Druck. Und am Ende dieser Wertschöpfungskette verlieren wir in einzelnen Sektoren netto ebenfalls an Wertschöpfung, etwa in der Automobilindustrie durch den Umstieg auf die Elektromobilität.

Es steht zu befürchten, dass sich angesichts der derzeit hohen Energiepreise in Deutschland Unternehmen bei neuen Investitionen häufiger für ausländische Standorte entscheiden. Wir werden künftig mehr unterscheiden müssen zwischen deutschen Industrieunternehmen auf der einen Seite und dem Industriestandort Deutschland auf der anderen.

Welche Lösungen sehen Sie?

Heymann: Mit Blick auf die Energiepreise hilft eine Ausweitung des Energieangebots, um die sich die Politik ja auch bemüht. Strukturbrüche auf dem Arbeitsmarkt könnten durch den demographischen Faktor abgemildert werden, denn die Babyboomer-Generation geht allmähliche in Rente. Durch mehr Automatisierung kann man die Industrie zwar stärken. Allerdings ist Automatisierung auch mit Energieverbrauch verbunden. Und hier schneidet Deutschland aktuell nicht gut ab. Wir sollten noch europäischer denken als bisher und die unterschiedlichen Standortbedingungen in der EU besser ausnutzen.

Und die aktuellen Stromspartipps? Was sagen Sie dazu?

Heymann: Energiesparen hilft ohne Zweifel. Aber es erfolgt bislang auch zu dem Preis einer sinkenden Industrieproduktion. Wir müssen uns auch bewusst machen, was die großen Energieverbraucher sind. So macht der Stromverbrauch der privaten Haushalte in Deutschland nur etwa 5 Prozent des Endenergieverbrauchs aus. Wir brauchen sehr viel Energie für Mobilität, Wärme und Industrieprozesse.  Allein die chemische Industrie in Deutschland verbraucht fünfmal so viel Energie wie ganz Dänemark in einem Jahr.

So wichtig Einsparungen sind, es bleibt dabei: Auf dem Energiemarkt haben wir es aktuell mit einer Angebotskrise zu tun. Daher sollten wir vor allem das Angebot stärken. Jede Kilowattstunde zählt auch beim Angebot.

von Anna Ntemiris

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