Nur Bruchteil an Plastik wird recycelt

Die Deutschen gehören zu den größten Plastikmüll-Verursachern in Europa. Das steht in dem kritischen „Plastikatlas“, den die Heinrich-Böll-Stiftung und der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) herausgebracht haben. 

Jeder Bundesbürger verursachte im Jahr 2016 durchschnittlich rund 38 Kilogramm Plastikmüll. Das war deutlich mehr als der EU-Durchschnitt mit 24 Kilogramm. Innerhalb der EU lag der Kunststoff-Verbrauch nur in Luxemburg mit 50,5 Kilogramm pro Kopf, Irland (46,2) und Estland (42,2) höher. In ihrem jetzt veröffentlichten „Plastikatlas“ weisen der BUND und die Heinrich-Böll-Stiftung, die politisch den Grünen nahesteht, auf die Umweltbelastung durch Kunststoffe hin. Zwischen den Jahren 1950 und 2015 wurden weltweit 8,3 Milliarden Tonnen Plastik produziert. Das entspricht mehr als einer Tonne pro Mensch, der heute auf der Erde lebt. Den allergrößten Teil machen Einwegprodukte und Verpackungen aus.

„Plastik ist ein globales Problem, das uns alle angeht“, erklärt Hubert Weiger, BUND-Vorsitzender. Der BUND fordert eine Plastikwende: Verbote von Schadstoffen und Mikroplastik sowie die Bekämpfung von Plastikmüll. „Deutschland ist einer der größten Standorte für Kunststoffproduzenten und Kunststoffverarbeiter in Europa. Verglichen mit seiner Größe trägt Deutschland damit eine beträchtliche Verantwortung für die weltweite Plastikverschmutzung. Mehr als 60 Prozent des in Deutschland gesammelten Verpackungsmülls werden verbrannt.“ Deutschland rühme sich als Recyclingweltmeister, doch die Realität sehe anders aus: „Nur knapp 38 Prozent unseres Plastikmülls werden tatsächlich dem Recycling zugeführt. Und der Skandal dabei ist: Plastik gilt bereits als recycelt, wenn es ins Ausland exportiert wird. Nach dem Prinzip ‚Aus den Augen aus dem Sinn‘ exportieren wir und andere Industriestaaten unseren Plastikabfall in Drittländer und verlagern das Problem somit nur räumlich. Wir sollten Vorreiter sein, statt unsere Verantwortung abzuschieben.“

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Offiziell sind die Recyclingquoten in Deutschland rela­tiv hoch. Im Jahr 2016 lagen sie bei 45 Prozent. „Sie täuschen jedoch darüber hinweg, dass sie sich lediglich auf die An­lieferung bei einem Recyclingunternehmen, nicht aber auf den wirklich recycelten Output beziehen. Nimmt man die Gesamtmenge der anfallenden gebrauchten Kunststoff­produkte – im Fachjargon „Post­consumer“ genannt – als Grundlage, werden in Deutschland nur etwa 15,6 Prozent zu Rezyclat verarbeitet. 7,8 Prozent sind mit Neukunststoff ver­gleichbar“, heißt es im Atlas. Diese Menge wiederum mache 2,8 Prozent der in Deutschland verarbeiteten Kunststoffprodukte aus. „Von einer Kreislaufwirtschaft kann kaum gesprochen werden. Hersteller nutzen für ihre Produkte lieber neuwertigen Kunststoff als minderwertiges Rezyclat. Der niedrige Preis für Neukunststoff und das teure Sortieren und Aufarbeiten von Gebrauchtkunststoff hat in Europa dazu geführt, dass ein Großteil des Plastikmülls nach Übersee verschifft wird.“

Vor Ort, zum Beispiel in den Ländern Asiens, hat dies ökologische, soziale und gesundheitliche Auswirkungen. „Die notwendige Infrastruktur zur Bewältigung unserer Müllberge gibt es in diesen Ländern nicht. Der Müll wird häufig unkontrolliert verbrannt oder landet auf Deponien und in der Umwelt. Viele Menschen fristen ihr Leben unter erbärmlichen Umständen und wir leben und konsumieren weiter sorglos Plastikprodukte“, so Weiger. BUND und Heinrich-Böll-Stiftung fordern von der Politik vor allem eine Reduktion von Produktion und Konsum von Plastik . „Neben Gesetzen zum Endverbrauch müssten jetzt insbesondere die Hersteller und die petrochemische Industrie als Hauptverursacher in die Pflicht genommen werden.“ Die Organisationen berufen sich dabei auch auf eine repräsentative Forsa-Umfrage, wonach deutsche Verbraucher die Hersteller von Plastikartikeln klar in der Verantwortung sehen: 83 Prozent der Befragten sind dafür, Abgaben auf Plastikprodukte zu erheben, die von den Herstellern getragen werden.

„Alle Welt redet über Plastik. Das ist gut so. Doch wir haben ein unvollständiges und verzerrtes Bild davon, wer und was die globale Plastikkrise verursacht und wie wir sie anpacken müssten. Verbote von Strohhalmen, Einwegbechern und Tüten sind ein erster Schritt, sie werden jedoch eine der größten Umweltkrisen, die den ganzen Planeten erfasst, nicht beenden“, sagt Barbara Unmüßig, Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung. „Wenigen ist bewusst, dass Kunststoffe ursprünglich ein Abfallprodukt der petrochemischen Industrie waren. Bis heute sind ExxonMobil, BASF, Eni, INEOS, und Dow die größten Plastikproduzenten weltweit. Sie beherrschen mit insgesamt fast 420 Milliarden Euro Umsatz den globalen Markt und planen, die Produktion in den nächsten Jahren weiter auszubauen – nicht zuletzt als Alternativstrategie, falls Energie- und Mobilitäts-Wende an Tempo gewinnen. Die massenhafte Verfügbarkeit der billigen Plastikrohstoffe Erdöl und Erdgas ist zugleich der Grund dafür, dass faktisch kaum recycelt wird und eine echte Kreislaufwirtschaft in der Kunststoffindustrie nicht in Gang kommt. Hier muss jede Strategie zur Überwindung der Plastikkrise ansetzen: Die Politik muss die großen Plastik- und Konsumgüterkonzerne in die Verantwortung nehmen“, so Unmüßig weiter.